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Martina Chmelarz

PLACELESS SPACES II
or
who turned my livingroom into a videolounge?

Medieninstallation
Galerie Gril, Wien 2000
© 2000 by Martina Chmelarz

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Die Videoinstallation PLACELESS SPACES II oder who turned my livingroom into a videolounge? setzt sich mit der Auflösung traditioneller Geographie und konventioneller Orts- und Raumwahrnehmung auseinander, stellt Aufnahmen von öffentlichen Orten dem Privatraum gegenüber, fügt Bilder aus dem Netz (www) ein und reflektiert über den Ausstellungsort (white cube). 

 

They turned my bedroom into a motherfucking disco. (Noise Factory)
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Seit mehr als drei Jahrzehnten werden in der Medienkunst diskurspraktisch und -theoretisch Themen abgehandelt, die heute in der sg. Informationsgesellschaft - noch deutlicher: in der postfordistischen Kontrollgesellschaft - wesentlich unsere Wirklichkeitssphären bestimmen. Da sich Medienkünstler/innen mit den jeweils aktuellen medientechnologischen Mitteln artikulieren, die auch in anderen sozialen Zusammenhängen Wirklichkeit produzieren, liegt die Relevanz dieser Disziplin vor allem in ihrem mediuminternen Beobachterstatus.
Stillframe aus Hometape; Projektion;
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Die Verwendung medientechnologischer Werkzeuge/Maschinen ermöglicht überhaupt erst den künstlerischen Anspruch, mit zeitgemäßen Modellen ästhetisch-reflexiver Beobachtungsoperationen zu experimentieren. Die künstlerischen Artikulationen sind immer prozessuale Maschinen-gestützte Beschreibungen von ebensolchen Beobachtungen, die sich auf das Wie der Beobachtung erster Ordnung beziehen und den eigenen Beobachterstatus auf der Ebene zweiter Ordnung, unter dem Aspekt des aktuellen Ausdifferenzierungsstandes der Begriffs-, Dogmen- und Theoriekontexte im ästhetischen Feld, noch mitreflektieren. Was hier theoretisch etwas kompliziert klingt, ist in der Kunst durch ausreichend vorhandene Standardisierungen geregelt, die als operative Vereinheitlichung von Information und Mitteilung in der Codierung manifest werden. 

F. E. Rakuschan zu placeless spaces 1, 1998 (Auszug) 

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Videoinstallation mit zentraler Großprojektion und drei Monitoren
Zur Installation im Innenraum gehören die Bänder: 
HomeTape (ohne Sound)
GalleryTape (ohne Sound)
Kompilationsband mit: Hometape-Kurzfassung, Tape3_01, Tape3_02 und Tape2-clipversion (alle mit Sound) 
Im großen Schaufenster der Galerie ist ein Monitor positioniert, der nach außen, die Straße, auf Passanten ausgerichtet ist: Installationsversion von Tape2, Name der Künstlerin, Titel der Ausstellung (ohne Sound)
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PLACELESS SPACES II oder who turned my livingroom into a videolounge? besteht aus einer Großbildprojektion von HomeTape direkt auf eine Wand des Galerieraumes, zwei im Galerieraum plazierten Monitoren, wobei ein Monitor zur Wiedergabe von GalleryTape und ein weiterer Monitor zur Wiedergabe eines Kompilationsbandes mit Sound-integrierenden, clipartigen Videotapes dient. Ein dritter Monitor befindet sich im großen Schaufenster der Galerie und stellt mit der Darbietung von Tape2 eine Verbindung zwischen der im Galerieraum aufgebauten Installation und der urbanen Außenwelt her. 
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Zu den gezeigten Videos im einzelnen: 
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HomeTape bringt die privaten Wohnräume der Künstlerin in den Galerieraum. Die Kamerafahrt gibt diese Räume durch am Computer errechnete Veränderungen der Kameralinse in schwindelerregender Verfremdung wieder. Darauf werden in rascher Abfolge Einzelbilder gezeigt, die den Ort als bewohnt und individuell gestaltet ausweisen: shots von der privaten Bibliothek, dem Photo-, Videoarchiv und Bilderdepot, ein Blick auf angesammelte Nippes, Erinnerungsphotos u.v.m. Diese Bildsequenz weist zum Teil ein-Frame-kurze Schnitte auf, die eine eher unbewußte als bewußte Wahrnehmung der realen Räumlichkeiten evozieren, ihr folgt eine Textpassage, unterbrochen von unmöblierten, nüchternen Raumansichten. Die am Computer erstellten, leeren Wohnräume sind virtuelle Konstrukte, die der Realität dieser sehr wohl möblierten Räume entgegenstehen. 
HomeTape existiert zudem in einer Kurzfassung. Es handelt sich dabei um eine in Kombination mit Sound erarbeitete Schnittvariante. Sie ist auf dem Kompilationsband, das mehrere clip-artige Videoarbeiten umfaßt, in der Installation vertreten. 
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GalleryTape
Dieses Band zeigt verschiedene Ansichten des mit Kunstgegenständen bestückten Galerieraumes. Im Verlauf der Animation verschwimmen erst die dargebotenen Kunstwerke, während die Konturen des Umraumes erkennbar bleiben, in der Folge wird der gesamte Raum durch errechnete Bewegungsunschärfen zum Verschwinden gebracht. Der Ausstellungsbesucher ist damit in der Lage, während er sich selbst im realen Galerieraum befindet, die virtuelle Manipulation eben dieses Raumes zu beobachten. 
GalleryTape reflektiert über den „white cube“ als traditionelle Stätte der Kunstpräsentation und -rezeption, als auch über die Auflösung realer, betretbarer Räume zu Gunsten virtueller Architekturen und Präsentationsplattformen. 
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Das Kompilationsband umfaßt die Clips: 
HomeTape-Kurzfassung 
Tape3_01 
Tape3_02 
Tape2-clipversion
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Zu den Clips im Einzelnen: 
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Tape3 enthält Bilderzyklen, die sich mit urbanen Agglomerationen und deren virtueller Repräsentation (z.B. im worldwide web) auseinandersetzen. Neben dem Transport visueller Information zur Thematik „Virtualisierung der Geographie“ reflektiert dieses Band über die mechanisch bzw. digital produzierenden und reproduzierenden Medien: die digitale Revolution ermöglicht neben Highdefinitionbildern auch die aus dem Netz bekannte Flut komprimierter Bilder in niedrigster Auflösung. Angepaßt an die angewandte Technologie, den Verwendungszweck, verändern sich die angesprochenen Medien (Photographie, Video, digitales Video). Sie changieren zwischen low resolution im Netz und high resolution in Werbung und Kunst. 
Tape3 ist in zwei von einander getrennten Teilen auf dem Kompilationsband vertreten. 
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Tape2-clipversion
Grundlage von Tape2 - clipversion sind „nightshots“, snapshots nächtlicher urbaner Landschaften (z. B. von Brüssel, Oslo, Paris, Stockholm, Rio de Janeiro und Wien). Sie werden mit Bildern einer Iris zu einer Animation verarbeitet, die ihre digitale Manipulation in der Hauptsache aus am Computer erzeugtem Licht, das mit den auf den Bildern festgehaltenen Lichtzeichen in Beziehung tritt, erfährt.
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Tape3 und Tape2 – clipversion befassen sich mit der Auflösung des traditionellen Geographiebegriffs und der konventionellen Orts- und Raumwahrnehmung durch Technologie. Angesprochen sind sowohl Reiseerleichterungen durch neue Transportsysteme, die – beinahe – jeden Ort der Welt in einer Ein- bis Zwei-Tagesreise erreichbar und damit zum touristischen und/oder wirtschaftlichen Ziel machen, als auch Veränderungen in der geographischen Wahrnehmung unter dem stetigen Zugriff auf digitale Netzwerke. Technologie bewirkt das von Marshall McLuhan erläuterte Schrumpfen des Planeten auf ein globalen Dorfes wie die durch elektronische Medien bedingte Ausdehnung lokaler Ereignisse auf die gesamte Welt mit weitreichenden sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Konsequenzen. Webcams bringen den Panamakanal live ins Wohnzimmer, mit voyeuristischer Gelassenheit sind Autostaus – ob auf der A23 in Wien, den Routen in den USA oder an der finnisch-russischen Grenze – rund um die Uhr zu beobachten. Der virtuelle Flaneure hat vom Computerarbeitsplatz aus bequem Zugriff auf die 5th Avenue in New York oder auf Prachtstraßen anderer Weltstädte ohne zum Kosmopoliten im eigentlichen Sinne zu werden (s. dazu die Installationen placeless spaces). Damit hat „die Weltgesellschaft auf Basis der neuen Kommunikationstechnolgien unsere je eigene Beziehung vom Ich zur Welt radikal verändert.“*
*F. E. Rakuschan zur Multimonitorinstallation wipe in/wipe out (2000) von Martina Chmelarz. 
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Wie oben erwähnt ist HomeTape in einer Kurzfassung auf dem Kompilationsband vertreten. Es handelt sich dabei um eine in Kombination mit Sound erarbeitete Schnittvariante. HomeTape stellt – als clipversion wie als zentrale Projektion – mit der privaten Atmosphäre, den Einblicken in intime Spähren einen bewußt gesetzten Kontrast zu den die Virtualisierung der Geographie behandelnden Bändern dar. 


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